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Gedrucktes zum G8 2007

Roundtable on g8 Resistance: Perspectives for the Next Phase of Global Anti-Capitalist Uprisings (Interventions # 1, first appeared in Issue 6 of Upping the Anti: a Journal of Theory and Action)

“Chef, es sind zu viele” (Block G8, Mai 2008)

Dazwischen gehen – Texte zur Offenen Arbeitskonferenz der Interventionistischen Linken (ak-Redaktion April 2008)

Gewaltbereite Politik und der G8-Gipfel (Komitee für Grundrechte und Demokratie, Dezember 2007)

Feindbild Demonstrant (Republikanischer Anwältinnen- und Anwälteverein | Legal Team, Dezember 2007)

Move into the light? Postscript to a turbulent 2007 (Turbulence, Dezember 2007)

resistance inside – Einblicke in das Innenleben einer Mobilisierung 2.0 (R.O.S.A., November 2007)

Dokumentation zu Migration und G8 (G8-Büro im Hessischen Flüchtlingsrat, Oktober 2007)

Join the winning side – Nachbetrachtung des Antifa-KOK Düsseldorf (Juni 2007)

Turbulence: What would it mean to win? (Juni 2007)

Antikapitalismus für alle! (Mai 2007)

Guide to Resistance (Spontane Redaktionsgruppe, Mai 2007)

Guide to Protest (Hannover Kreis, Mai 2007)

Fußnote #4 (SOBI Rostock, Mai 2007)

Was ist G8? Eine kritische Betrachtung (SOBI Rostock, Mai 2007)

Make G8 History! (AG Globale Soziale Rechte, April 2007)

Stimmen von Anarchistinnen & Anarchisten zu den G8 (April 2007)

solidarität (Mai 2007)

alaska Sondernummer (März 2007)

protest. widerstand. perspektive. (April 2007)

PAULAs Manifest (März 2007)

“G8: Die Deutung der Welt. Kritik. Protest. Widerstand” (arranca! Nr. 36, April 2007)

“Göttinger Gipfelzeitung” zum G8-Gipfel im Juni 2007 in Heiligendamm (April 2007)

“Rostocker Stadtgespräche” Nr. 46/47 (April 2007)

“11. Ausgabe des Antiberliner” zum G8 Gipfel sowie dem Protest dagegen (April 2007)

“Autonomes G8-Info” (Hamburg, April/ Mai 2007)

“Junirevolte” – Zeitung gegen den G8-Gipfel (solid, März 2007)

Informationen und Positionen gegen den G8-Gipfel 2007 (Kieler Netzwerk gegen den G8-Gipfel, März 2007)

“Make capitalism history!” Positionen und Informationen zum G8-Gipfel in Heiligendamm (Avanti, März 2007)

“Widerstand ist fruchtbar. Analysen und Perspektiven für eine nicht-kapitalistische Landwirtschaft” (Aktionsnetzwerk globale Landwirtschaft, März 2007)

“Globalisierung und Krieg” (Informationsstelle Militarisierung/ attac, Anfang 2007)

“Politischer Reiseführer MV” (pdf, Januar 2007, 14 MB)

“dissent! Broschüre” mit (fast) allen Texten rund um die Mobilisierung (92 Seiten, pdf, August 2006)

Reader zu G8 2007 von badespasz (Herbst 2006)

attac Inforeader (2006)

“Inforeader Globalisierung”, Grüne Jugend Bundesvorstand

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2007-08-25

Die „Linke“, Antiamerikanismus und verkürzte Kapitalismuskritik

(Friday, 17. August 2007) Antiamerikanismus ist heutzutage in der so genannten Linken weit verbreitet – und auch weit darüber hinaus. Während in diversen linken Kreisen schon seit eh und je eine mehr oder minder starke amerikafeindliche Haltung vorherrscht, scheint diese Attitüde seit der Wahl George Bush’s zum Präsidenten der USA auf einen Grossteil der Gesellschaft übergeschwappt zu sein. Kaum jemand, der heute nicht eine tendenziell negative Meinung zu den Vereinigten Staaten oder ihrem Präsidenten hat, sei dies aus politischen, sozialen oder ökologischen Gründen. Und wer schon zuvor antiamerikanisch gesinnt war, steht den USA jetzt oftmals noch ablehnender gegenüber als zuvor.

Ohne Zweifel ist es arg in Mode, gegen das „böse Amerika“ und ganz im Speziellen gegen den „Idioten Bush“, wie er immer wieder bezeichnet wird, zu wettern. Meistens geht diese Haltung auch mit einer undifferenzierten, pauschalen Verurteilung aller „Amerikaner“ als rücksichtslose Kriegstreiber und egoistische Klimasünder einher. Diesen wird dann nur zu gerne der Schwarze Peter zugeschoben, wenn es darum geht, Sündenböcke für die Probleme dieser Welt zu finden. In ähnlicher Art und Weise wie gewisse Kreise in den USA den Ursprung des Terrorismus in einer Reihe von Staaten – der sog. „Achse des Bösen“ – gefunden haben wollen, will man hier sehr oft den Ursprung von Ausbeutung, Krieg und Treibhauseffekt bei den Vereinigten Staaten und ihrer Mentalität gefunden haben. Als Beispiele für die Ausbeutung der Dritten Welt werden gerne Coca-Cola, McDonalds und andere bekannte, amerikanische Grosskonzerne an den Pranger gestellt, als Beispiel für die „Kriegstreiberei“ steht der Irak- und in begrenztem Masse auch der Afghanistankrieg hoch im Kurs, während bei der Erderwärmung viel vom nicht unterschriebenen Kyoto-Protokoll und dem Verkehrsverhalten in den USA die Rede ist. Nicht zuletzt wird auch die wirtschaftliche und kulturelle Vorherrschaft dieses Landes – nicht nur in der westlichen Welt, sondern mittlerweile fast überall auf dem Globus – sehr gerne angegriffen (von der Anglikanisierung der lokalen Sprachen über die vermehrte Präsenz amerikanischer Firmen, besonders wenn es sich um grosse Handelsketten handelt, bis zum verstärkten sozialen und kulturellen Einfluss „amerikanischer“ Ideen) .

Die Kritik an gewissen Dingen, mit denen die Vereinigten Staaten und ihre Regierung immer wieder von sich reden machen, wäre im Prinzip kein Problem. Ganz im Gegenteil, diese Kritik ist oftmals sehr berechtigt. Selbstverständlich ist es zu verurteilen, wenn Krieg geführt wird oder Ausbeutung stattfindet. Der eigentliche Stolperstein, den diese Kritik darstellt, liegt in der Tatsache, dass sie zum einen mit einer unzulässigen Pauschalisierung aller „Amerikaner“ als Bösewichte und zum anderen mit dem komplett falschen Gedanken, dass die Übel dieser Welt alleinig der USA zuzuschreiben seien, einhergeht. Somit ist diese Kritik meilenweit von einer fundierten, emanzipierten Position entfernt.

Die antiamerikanische Haltung ist aber nicht nur schlichtwegs personifizierend (Probleme werden am Subjekt USA festgemacht), somit verkürzt und irreführend in Bezug auf die tatsächlichen Ursachen der heutigen Misstände. Sie ist auch in einem gewissen Sinne gefährlich, da sie einen Anknüpfungspunkt für reaktionäres, nationalistisches Gedankengut darstellt. Dadurch, dass man einen einzigen, generellen Schuldigen gefunden hat, welchem man alles anlasten kann, ist es natürlich leicht möglich, sich erfolgreich um die unbequeme Frage nach der eigenen Mitverantwortung an den herrschenden Verhältnissen zu drücken. Solange sich alles auf die „bösen Amerikaner“ und ihren Präsidenten zurückführen lässt, mag einem auch der Schluss, dass ohne die USA alles viel besser wäre, plausibel erscheinen. Dieser Schluss ist etwa genauso zutreffend wie die Annahme, dass durch die Beseitigung einiger bekannter „Terroristenführer“ der Terrorismus zu stoppen sei.

Genau diese falsche These aber bedeutet, dass man sich durch ein extremes, einseitiges Feindbild extrem positiv auf einen angeblichen Gegenpol beziehen kann – und hier kommt der Nationalismus ins Spiel. Es mag auf den ersten Blick erstaunen, dass vermehrt auch (europäische) neonazistische Kreise versuchen, ihre Standpunkte in die „Anti-Globalisierunsbewegung“ einzubringen. Bei genauerer Betrachtung dieser Bewegung aber werden einige Positionen deutlich, die in der Tat optimal von diesen Kreisen aufgegriffen werden können. Als allererstes ist schon die Bezeichnung „Globalisierungsgegner“ sehr unglücklich, da der Ausdruck „Globalisierungskritiker“ bei einem Grossteil ebendieser Bewegung wesentlich zutreffender wäre (da Globalisierung nicht nur wirtschaftliche Aspekte, sondern auch Internationalismus, weltweiter Austausch etc. beinhaltet, ist ihre generelle Ablehnung nichts anderes als eine reaktionäre, isolationistische Position). Der zweite und hier entscheidende Punkt ist der Fakt, dass die „Anti-Globalisierungsbewegung“ oftmals einer „Anti-Amerika-Bewegung“ gleichkommt. Die Probleme der Welt haben ihren Ursprung in den USA, also im Ausland. Der gute Gegenpol zum „bösen Amerika“ ist dann die eigene Nation, welche unter „importierten, ausländischen Problemen“ zu leiden hat. Das öffnet natürlich Tür und Tor für Forderungen nach Isolationismus und Rückbesinnung auf die „ursprünglichen Werte“ des jeweiligen „Volkes“, oder gerade auch generell auf „Volk und Nation“. In neonazistischen Kreisen wird dabei auch dankbar und gerne noch der strukturell antisemitische Charakter personifizierender Kritik (wie dem Antiamerikanismus) aufgegriffen. So finden sie schlussendlich in „den Juden“ oder in „der jüdischen Weltverschwörung“ die Hauptschuldigen, welche angeblich die USA beherrschten.

Aber nicht nur Neonazis beziehen sich durch das Feindbild der Vereinigten Staaten positiv auf angebliche Gegenpole. Einer der allgemein beliebtesten davon ist Europa. Diese anti-amerikanische, pro-europäische Ideologie ist im Regelfall zwar nicht oder nicht derart völkisch geprägt ist wie der oben genannte antiamerikanische Nationalismus. Trotzdem stellt sie aber doch eine Art nationenübergreifenden Regionalismus dar, welcher jedem Nationalismus in seinem Charakter sehr ähnelt. Europa wird hier als das Gegenteil der USA, als fortschrittlich, humanistisch und aufgeklärt gesehen, eine Meinung, welche – meist abgeschwächter formuliert – sehr stark verbreitet ist. Dabei wird gerne übersehen, dass genau dieses Europa sich militarisiert, an Plänen für eine Schnelleingreiftruppe arbeitet und an zahlreichen Kriegen mitbeteiligt war und ist (Afghanistan, Jugoslawien etc.) oder dass es zwar gerne von Umweltschutz redet, sich in Tat und Wahrheit aber genauso schwer tut wie andere Staaten in der effektiven Umsetzung all dieser schönen Versprechen. Auch ist Europa ein Paradebeispiel neoliberaler Deregularisierung etc.

Alle diese antiamerikanischen Positionen verkennen den übernationalen Charakter der heutigen Probleme und vor allem den übernationalen Charakter ihrer Ursprünge. Die Missstände, unter welchen die Welt zur Zeit zu leiden hat, können unmöglich an einzelnen Subjekten wie Ländern, Individuen oder Organisationen festgemacht werden, da dies eine klassische Verwechslung von Ursache und Wirkung wäre. Genau das aber versucht jede verkürzte Kritik. (Besonders krasse) Ausdrücke tiefer liegender Zwänge werden entweder komplett losgelöst von ebendiesen Zwängen betrachtet oder aber zur Ursache erhoben, während die Zwänge zur Wirkung degradiert werden.

Aus diesem Grund kann keine verkürzte Kritik eine ernsthafte, progressive Perspektive bieten, welche über punktuelle Symptombekämpfung hinausgeht. Ganz im Gegenteil: statt eine substantielle Verbesserung herbeizuführen, führt die praktische Umsetzung verkürzter Kritik lediglich zu einer Stabilisierung und Stärkung der heutigen Verhältnisse. Sie halt also eine direkte systemtragende Funktion, was von einem emanzipierten Standpunkt aus überhaupt nicht zu befürworten ist.

Wie bereits am Rande angesprochen, beinhalten antiamerikanische Positionen oft Kritik an angeblich „besonders kapitalistischen“ Wesen der USA. Dabei geht es in der Regel zum einen um die allgemeine Lebenshaltung in der USA und zum anderen um die Politik gewisser Grosskonzerne.

Ersteres bezieht sich auf die als rücksichtslos und egoistisch aufgefasste „Ellenbogen-mentalität“ in den Vereinigten Staaten. Als Beispiel dafür werden der ausgeprägte „amerikanische“ Individualismus, die militaristischen Einflüsse in der Gesellschaft, das fragwürdige Verhältnis zu Waffen u.Ä., das Fehlen eines Systemes sozialer Sicherheit usw. aufgeführt. Zuerst einmal muss klargestellt werden, dass hier von „besonders kapitalistisch“ keine Rede sein kann. Zum einen stellt „kapitalistisch“ eine neutrale Bezeichnung für eine gewisse Wirtschaftsweise dar, was im Gegensatz zur moralischen Wertung steht, die dem Antiamerikanismus innewohnt. Zum anderen lässt sich diese Mentalität teilweise zwar durchaus auf gewisse Eigenheiten der kapitalistischen Ökonomie zurückführen, von „besonders kapitalistisch“ zu sprechen ist hier aber verfehlt, da etwas entweder kapitalistisch ist oder nicht (Es handelt sich um gewisse objektive Bedingungen, welche entweder erfüllt sind oder es nicht sind, daher ist eine Abstufung nicht möglich).

Bei genauerer Betrachtung des „American Way of Life“ wird aber schnell klar, dass sich viele seiner Elemente nur scheinbar so stark von den hiesigen Vorstellungen unterscheiden. So zieht auch das „gute Europa“ bei der Militarisierung mit (wie bereits erwähnt wurde) und so zeichnen sich auch die europäischen Gesellschaften durch ein hohes Mass an Individualismus oder Egoismus (was in den meisten Fällen tatsächlich gemeint ist) aus. Einer der angeblichen grossen Gegensätze – die Frage nach einem System sozialer Sicherheit – entpuppt sich sehr schnell als irrelevant, wenn man sich genauer damit auseinandersetzt. Um 1900 entstanden, sind diese Systeme keinesfalls ein nettes Geschenk der „guten Regierungen“ Europas an die unteren Schichten. Im Gegenteil: ohne den Druck äusserer Umstände wären die Sozialstaaten nie entstanden. Diese äusseren Umstände waren konkret ein erstarkendes klassenkämpferisches Bewusstsein der Lohnabhängigen und eine zunehmende Sympathie für sozialistische/kommunistische Ideen, also zusammengefasst eine direkte Bedrohung der herrschenden Verhältnisse. Um einer möglichen Umstürzung ebendieser vorzukommen, schuf die Bourgeoisie mit tatkräftiger Mithilfe der Sozialdemokratie gewisse Strukturen: die soziale Marktwirtschaft. Diese sollte die Klassengegensätze etwas abmildern und so gleichzeitig die bestehende Ordnung sichern. Zwar strich eine kleine Minderheit auch weiterhin das Gros des erwirtschafteten Reichtums ein. Ein kleiner Rest aber wurde fortan an die Mehrheit verteilt, gerade genug um den allgemeinen Wohlstand etwas anzuheben.

Tatsächlich vermochte dies die Bedrohung durch andere Gesellschaftsentwürfe zeitweise abzuwenden, wie man unschwer erkennen kann. Seit Anfang der 90er-Jahre jedoch, genau seit dem Zusammenbruch des Ostblocks, seit der „Sieg“ des Kapitalismus über den „Kommunismus“ und in aller Euphorie sogar das Ende der Geschichte verkündet wurde, besteht diese Bedrohung nicht mehr. Dementsprechend gering ist das Interesse der herrschenden Klasse, diese Strukturen aufrechtzuerhalten – was sich in der heutigen Tendenz zum Sozialabbau widerspiegelt:

Seit Anfang der 90er-Jahre werden die hochgelobten Sozialstaaten Europas Stück für Stück demontiert, der Service Public privatisiert. Sollte dieser Trend so weitergehen, wird es nicht lange dauern, bis es gar kein System sozialer Sicherheit mehr gibt – wie in den USA. Die soziale Marktwirtschaft ist also keineswegs eine Errungenschaft des „fortschrittlichen Europas“, welches uns vom „bösem Amerika“ abhebt, sondern lediglich ein temporäres, taktisches Zugeständnis der Bourgeoisie an die Lohnabhängigen. Die Einkommens- und Vermögensverteilung der Schweiz (die ja sogar als allgemeine Wohlstandsinsel bekannt ist) als Beispiel zeigt auf, wie gross die Gegensätze auch in Europa tatsächlich sind: so lag das Einkommen der Hälfte aller steuerpflichtigen Personen vor einigen Jahren unter 50’000 Franken liegt und diese erwirtschafteten zusammen nur ca. ein Viertel der gesamten Einkommen. Noch stärker fallen die Unterschiede beim Vermögen auf: während vor einigen Jahren ein Drittel der Steuerpflichtigen über gar kein Vermögen verfügte, besassen 3,3 % insgesamt fast drei Viertel des gesamten Vermögens. Neuere Statistiken belegen, dass die Ungleichheit sogar noch weiter zunimmt.

Zusammenfassend gesehen kann man also sagen, dass die die spezifisch den Vereinigten Staaten zugeschriebenen Missstände überall auf der Welt herrschen, oftmals aber gut versteckt hinter der Fassade eines „sozialen Kapitalismus“.

Der zweite grosse Punkt, welcher mit der Verurteilung der USA als „besonders kapitalistisch“ gemeint ist, betrifft die Politik einiger bekannter amerikanischer Grosskonzerne. Hier sind beispielsweise McDonalds oder Coca-Cola zu nennen, die seit jeher zu den Lieblingsfeinden der „Linken“ zählen. Bevor man sich genauer mit der Problematik solcher Verurteilungen in allgemeinem Zusammenhang beschäftigt, muss man noch kurz auf die spezifisch antiamerikanische Kritik eingehen: kurz und bündig gesagt ist die Lage ähnlich wie schon bei der Frage nach Individualismus, sozialer Ungleichheit etc. Auch wenn viele bekannte Firmen mit fragwürdigen Geschäftspraktiken ihren Sitz in den USA haben, gibt es doch auch eine Vielzahl anderer, nicht-amerikanischer Unternehmungen, welche auch oder zum Teil fast noch mehr Bekanntheit durch negative Schlagzeilen zu ihrer Art und Weise zu Wirtschaften erlangten. Ein Beispiel dafür wäre Nestlé (Ausbeutung von Kaffee- und Kakaoproduzenten), Adidas (Ausbeutung von Arbeitskräften bei der Kleiderherstellung) etc. Moralisch verurteilenswertes Verhalten ist also nicht im Geringsten nur auf amerikanische Konzerne beschränkt, sondern, wie schon die anderen Misstände, international verbreitet.

Nun aber zum zweiten Teilaspekt, nämlich die oben angesprochene Problematik solcher Verurteilungen in allgemeinem Zusammenhang. Dieses Thema ist wesentlich komplexer. Wie auch der Antiamerikanismus ist die moralisierende Kritik an multinationalen Firmen sehr verbreitet in der Linken. Dabei ist jetzt die generelle Kritik, unabhängig von der staatlichen Zugehörigkeit des jeweiligen Unternehmens (in Zeiten der Globalisierung haben fast alle grossen Unternehmen eine Art übernationalen und –staatlichen Status erreicht, weshalb man nur noch sehr eingeschränkt von einer staatlichen Zugehörigkeit reden kann), gemeint.

Zu erst einmal muss der Charakter dieser Kritik klar gemacht werden. Es handelt sich um moralisierende Kritik, d.h. konkret, dass diese Kritik auf Basis von moralischen Kategorien wie „gut“ und „böse“ wertet. Dabei wird ein gewisser „guter“ Wertekatalog den „bösen“ Geschäftspraktiken der Konzerne gegenübergestellt. Und hier kommt auch schon die Hauptschwäche jeglicher moralisierender Kritik zu Tage: ihre Subjektivität. Statt auf einer sachlichen Analyse beruht sie auf persönlichen Wertvorstellungen, was ihre Gültigkeit enorm einschränkt. Anstatt das Verhalten der Firmen kritisch im Kontext der heutigen Wirtschaftsverhältnisse zu betrachten, werden sie isoliert nach subjektiven Gesichtspunkten be- oder besser gesagt verurteilt. Hinzu kommt noch, dass bei dieser Art der Kritik meistens – wie schon beim Antiamerikanismus – in verkürzter Manier die Probleme, unter denen die Welt zu leiden hat, an einzelnen Firmen oder sogar Managern festgemacht werden, da in ihnen die angeblichen Ursachen dieser Problem gesehen werden.

Dieser personifizierende Aspekt wohnt fast jeder moralisierenden Kritik inne, ist also in der Regel keineswegs nur eine Fehlauslegung einer grundsätzlich richtigen Kritik sondern untrennbar mit dieser verbunden. Diese Tatsache ist darauf zurückzuführen, dass eine Beurteilung nach moralischen Kategorien sich sehr gerne auf intelligente Subjekte bezieht und kaum jemand auf die Idee käme, ein wirtschaftliches Verhältnis als „unmoralisch“ abzustempeln (es stellt sich hierbei auch die Frage, ob man Objekte überhaupt moralisch beurteilen kann und inwiefern ein zu beurteilendes Subjekt die Möglichkeit/Fähigkeit haben muss, ihre Entscheidungen frei von direkten existentiellen Zwängen und Bedrohungen zu treffen). In ihrem Hang zur Personifikation liegt die zweite Schwäche moralisierender Kritik.

Trotz den offensichtlichen Mängeln dieser Art von Kritik mag man es moralisch verurteilen, wenn McDonalds den Regenwald abholzt, um Weidefläche für die Rinderzucht zu gewinnen. Man mag es verurteilen, wenn Coca-Cola Wasserquellen kauft und damit der lokalen Bevölkerung auch noch den letzten Pfennig aus der Tasche zieht oder wenn irgendeine beliebige Kleidermarke irgendwo auf der Welt Arbeitskräfte und Natur ausbeutet. Der springende Punkt hierbei ist aber letzten Endes, als was man diese Praktiken betrachtet. Einerseits kann man sie als Wirkung von „bösen Grosskonzernen“ und „bösen Managern“ sehen, wobei hier fast impliziert wird, dass diese frei von existentiellen Zwängen und Bedrohungen handeln können. Das ist der oben angesprochene verkürzte Ansatz, der fälschlicherweise ein Symptom zur Ursache erhebt. Aus einer derartigen Perspektive ergeben sich gewisse Folgerungen, die, wie schon die Ausgangsannahme, einige elementare Tatsachen verkennen. So ist man in der Tat geneigt zu glauben (wie schon beim Antiamerikanismus), alles würde besser, wenn nur einmal die (moralisch) „richtigen/guten“ Personen an der Macht wären und die (moralisch) „richtigen/guten“ Unternehmungen aufsteigen und die zur Zeit mächtigen Konzerne verdrängen würden. Aus diesem naiven Fehlschluss ergibt sich nur allzu oft die unsinnige Forderung nach reformistischen Massnahmen. Diese sollen bei totaler Unkenntnis jeglicher ökonomischer Realität versuchen, gegen ebendiese Realität mit ihren Zwängen anzukämpfen. Diese Unkenntnis ist es auch, die dazu führt, dass Reformismus keine Perspektiven bieten kann, da er nicht über punktuelle Symptombekämpfung hinauskommt und so zu einem längerfristig hoffungslosen Rückzugsgefecht wird (diese Tendenz ist ja auch heute schon zu sehen: die Linke befindet sich in einem Abwehrkampf und hat jegliche Initiative verloren, wenn Kämpfe geführt werden, dann nicht mehr zur Verbesserung der Lage, sondern lediglich um eine drohende Verschlechterung abzuwenden).

Beschäftigen wir uns noch etwas genauer mit den kritisierten Geschäftspraktiken, also mit der Ausbeutung von Mensch und Natur. Es stellt sich also die Frage nach dem Ursprung dieser Ausbeutung. Moralisierende Kritik impliziert oftmals, dass gewisse Manager oder Konzerne einfach „böse“ und „rücksichtslos geldgierig“ sind.

Ein solches naives Verständnis ist meilenweit von einer fundierten Position entfernt, ignoriert es doch komplett die wirtschaftlichen Verhältnisse, denen wir alle ausnahmslos unterworfen sind.

Ausbeutung geschieht nicht einfach aus Bosheit, ebenso wenig wie einige unmoralische Individuen für die Probleme dieser Welt verantwortlich sein können. Ausbeutung geschieht um des Mehrwertes, resp. des Profites wegen, welcher dadurch entsteht. Bis zu diesem Punkt wäre es theoretisch noch möglich, moralisch zu kritisieren (das Ziel, Gewinne zu erwirtschaften, wird der „bösen Geldgier“ einiger Manager/Firmen zugeschrieben, die Schuld wird an ihnen festgemacht). Nun aber muss man sich wiederum der Frage stellen, wer denn alles aus welchen Gründen Profit macht, eine Überlegung, welche unweigerlich jeglicher Personifikation widersprechen wird.

Zu allererst steht eine simple Erkenntnis: ausnahmslos jedes Unternehmen, welches nicht gerade auf seinen Untergang zusteuert, macht heutzutage Gewinne. Das gilt für McDonalds genau wie für den Dorfladen an der Ecke. Wenn aber auch dieser Mehrwert erwirtschaftet, kann dies im Allgemeinen kaum moralisch zu verurteilen sein, es sei denn man will jedes Geschäft etc. verurteilen, was wenig Sinn macht und schon gar keine Perspektiven bietet.

Wieso machen denn nun alle Profite?

In der heutigen ökonomischen Ordnung konkurrenzieren alle Unternehmungen miteinander, ebenso wie alle Individuen miteinander konkurrenzieren (was sich in Phänomenen wie dem oben angesprochenen Individualismus/Egoismus widerspiegelt). Diese tägliche Wettbewerbssituation ist ein zwingender Teil jeder Markt- und genereller gesagt, jeder kapitalistischen Wirtschaft. Nun führt dieser absolute Konkurrenzkampf dazu, dass die Firmen, welche gewisse Bedingungen nicht mehr erfüllen, mittelfristig zu Grunde gehen. Hier kommt wieder der Profit ins Spiel, denn eine dieser zentralen Bedingungen ist die Rentabilität und Wertschöpfung: jedes Unternehmen muss zwingend Einnahmen erwirtschaften, um als Minimum seine Ausgaben zu decken und keine Verluste zu machen. Das genügt aber nicht, da es in dieser Wettbewerbssituation in einem Konkurrenzkampf mit anderen Firmen steht. Um überleben zu können, muss also zusätzlich noch ein Gewinn gemacht werden, welcher dann wieder investiert werden kann mit dem Ziel, die eigene Konkurrenzfähigkeit aufrechtzuerhalten. Gelingt das nicht, fällt das Unternehmen je länger je mehr zurück und wird früher oder später pleite und damit weg vom Fenster sein. Diese Wettbewerbs-Spirale dreht sich unaufhörlich und verschärft so den Kampf zunehmend, d.h. dass jede Firma zu immer rigoroseren Mitteln greifen muss, um ihr Überleben zu sichern. Dieser Zwang betrifft jedes Unternehmen in einer kapitalistischen Wirtschaft gleichermassen, also sowohl „böse Grosskonzerne“ als auch „gute Dorfläden“.

Die Tatsache, dass die Erwirtschaftung von Gewinn ein Zwang darstellt, dem man sich nicht entziehen kann (ausser durch den eigenen Untergang), ist zentral.

Nun stellt sich die Frage nach dem Ursprung dieses Profites und nach seinem Wesen. Von moralischer Seite her wird gerne ein angeblich unterschiedlicher Charakter verschiedener Gewinne benutzt, um die „ethische Überlegenheit“ von beispielsweise sog. „fairem Handel“ gegenüber den „bösen Grosskonzernen“ zu erklären. Auf die eine Seite wird der „schlechte Mehrwert“, der durch Ausbeutung erwirtschaftet wurde, gestellt. Ihm gegenüber, als direkter Gegenpart, steht der „gute Mehrwert“, welcher nicht durch Ausbeutung erzielt wurde. Der Begriff der „Ausbeutung“ ist hier nicht klar definiert und wird meistens gefühlsmässig mit beispielsweise schlechten Löhnen und Arbeitsbedingungen gleichgesetzt.

Dieses Bild vertritt ein komplett falsches Bild vom realen Charakter der genannten Profite und übergeht diesen zu Gunsten einer moralischen Kategorisierung.

Kein solcher Gewinn ist in seinem grundsätzlichen Wesen von einem anderen Gewinn zu unterscheiden, da seine Herkunft stets gleich ist. Jeder Mehrwert entsteht dadurch, dass ein Unternehmen (Besitzer von Produktionsmitteln) zu einem gewissen Preis (Lohn in diesem Falle) die Arbeitkraft eines Lohnarbeitenden kauft. Diese Arbeitskraft wird dann genutzt, um in einem Verwertungsprozess Güter oder Dienstleistungen herzustellen, welche einen gewissen Tauschwert (hier der Preis) haben und welche dann als in Form von Waren ausgetauscht (gehandelt) werden. Der Lohnarbeitende schafft also Wert und erhält dafür Wert, einen Entgelt in Form von Lohn. Wäre ersterer gleich hoch wie letzterer, würde für das Unternehmen kein Gewinn anfallen, die Produktion wäre also unrentabel. Damit ein Profit erwirtschaftet werden kann, muss der Lohn also zwingend unter dem Wert der hergestellten Produkte liegen, d.h. dass die Lohnarbeitenden weniger Wert in Form von Lohn erhalten, als sie geschaffen haben. Die Differenz dazwischen stellt den gewonnenen Mehrwert dar.

Der oben angesprochene Zwang, Profite zu erwirtschaften, kann demnach noch um die Feststellung, dass jeglicher Profit durch Ausbeutung entsteht, ergänzt werden. Diese Ausbeutung ist bei grossen Konzernen u.Ä. zwar offensichtlicher als bei kleineren Unternehmungen, aber nichtsdestotrotz überall vorhanden.

Kurz zusammengefasst ist der Kapitalismus also ein gesellschaftliches Verhältnis, welches ausnahmslos jedes Unternehmen im Konkurrenzkampf dazu zwingt, durch Ausbeutung Mehrwert zu erwirtschaften. Dabei ist es völlig belanglos, ob dieses Unternehmen nun Kinderarbeit betreibt und 16-Stunden-Tage hat oder ob es überdurchschnittlich hohe Löhne anbietet und den Angestellten Luxus-Ferien auf den Malediven bezahlt – kapitalistische Lohnarbeit ist per se und immer Ausbeutung der Lohnarbeitenden.

Nun sind aus moralischer Perspektive selbstverständlich die „netten“ Geschäftspraktiken den „bösen“ vorzuziehen, was durchaus seine Richtigkeit hat. Daraus jedoch die unsinnige Forderung nach einer allgemeinen Wahl des kleineren Übels abzuleiten, zeugt von einem mangelnden Verständnis des Kapitalismus sowie von fehlender Perspektive. Konkretisiert bedeutet das, dass die Klassengegensätze und das damit einhergehende Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnis zwischen herrschender und beherrschter Klasse auch in einer Fair-Trade-Bio-Wirtschaft nicht überwunden werden, was ja der eigentliche Anspruch jeder emanzipatorischen Idee sein müsste. Die Eigentumsverhältnisse, welche u.A. den Kapitalismus begründen, bleiben ebenso bestehen wie weiterhin Waren (d.h. Dinge, welche einen Tauschwert besitzen, der sich im äquivalenten Austausch realisiert) produziert werden etc.

Die Klasse der LohnarbeiterInnen wird von einer doppelten Freiheit geprägt: einerseits sind sie juristisch freie Personen, ganz im Gegensatz zu den Sklaven der Antike oder der Leibeigenen des Mittelalters. Andererseits sind sie auch „frei“ von Produktionsmitteln, müssen also für ihren Lebensunterhalt ihr einziges Gut, ihre Arbeitskraft, gegen Lohn verkaufen.

Ganz getreu der Taktik der Wahl des kleineren Übels könnte man jetzt der Ansicht sein, dass man lieber nicht ganz so offensichtlich ausgebeutet und beherrscht wird und dass Kapitalismus an sich schon in Ordnung wäre, wenn nur global einigermassen „fair“ gewirtschaftet werden würde. Der Stolperstein dieser Überlegung ist, dass diese „netten“ Geschäftspraktiken an sich gar nicht lebensfähig wären und nur existieren können, weil sie auf spezifische Nischenmärkte zielen. Um trotz höherer Produktionskosten (höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen etc.) ein nötiges Minimum an Mehrwert zu erwirtschaften, muss der Preis der hergestellten Produkte und Dienstleistungen erhöht werden – das führt dazu, dass diese Güter in ein Preissegment wechseln, welches nur noch für eine gewisse (privilegierte) Minderheit zugänglich ist, welche willig und in der Lage ist, für die soziale und ökologische „Verträglichkeit“ draufzuzahlen (und das sogar nur punktuell, beispielsweise beim Kaffee und den Bananen, ein totales Fair-Trade-Bio-Leben wäre sogar in der 1. Welt nur für eine noch viel kleinere Minderheit möglich). Sobald ein Unternehmen aber weiter expandieren und in andere Märkte vordringen will, müssen die Preise und damit die Herstellungskosten zwingend gesenkt werden, um konkurrenzfähig zu bleiben. Die verschärfte Ausbeutung ist also lediglich die logische Folge eines strukturellen Zwanges, welchem alle Unternehmen unterworfen sind, und keineswegs das Produkt individueller Böswilligkeit. Dementsprechend zwecklos sind Forderungen an McDonalds oder Coca-Cola, doch bitte „fair“ und „nett“ zu sein – selbst wenn das Management nur aus Gutmenschen bestehen würde, würde die objektive Wettbewerbssituation des globalen Fast-Food-Marktes eine solche Praxis nicht zulassen, weil diese eine signifikante Preiserhöhung zur Folge hätte, welche wiederum Kunden in die Hände von konkurrierenden Unternehmen wie Kentucky Fried Chicken oder BurgerKing treiben würde, die das gleiche Essen halb so teuer verkaufen. Es wäre möglich, darauf zu spekulieren, dass die Kunden diese Änderungen befürworten und treu bleiben würden, allerdings ist diese Hoffnung, ähnlich wie die Hoffnung, dass die anderen Konzerne plötzlich einen Gesinnungswandel durchleben und nachziehen würden, in höchstem Masse unrealistisch. Bei allem guten Willen, den ein Mensch haben kann, bleibt doch seine objektive Situation, und in der Regel leitet der natürliche Selbsterhaltungstrieb den Menschen genug, damit zuerst die Miete, Steuern, Nebenkosten, Krankenkasse und Schulrechnungen etc. beglichen werden, bevor man sich Spenden, Fair-Trade und anderen karitativen Belangen zuwendet, sofern diese (wie das bei der Mehrheit aller Menschen kaum der Fall ist) überhaupt noch im Budget Platz finden können. .

Ausbeutung und Unterdrückung, egal ob offensichtlich oder verschleiert, sind keine Auswüchse oder Pervertierungen eines grundsätzlich positiv zu bewertenden gesellschaftlichen Verhältnisses. Ebenso wenig sind sie das Produkt einer diffusen, „bösen“ Geldgier einiger weniger Manager und Grosskonzerne, welche sich gegen die Welt verschworen haben.

Die erwähnten Missstände stellen nur die logischen Folgen objektiver Zwänge, denen alle Menschen gleichermassen ausgesetzt sind, dar. Diese Zwänge wiederum sind nur die logischen Folgen des gesellschaftlichen Verhältnisses, in dem wir zu leben gezwungen sind, und der Produktionsweise, die diesem Verhältnis entspringt. Jede Idee, welche den Anspruch hat, eine (bessere) „andere Welt“ zu schaffen, muss sich also gegen den Kapitalismus als in seiner ganzen Totalität richten und darf nicht bei verkürzter Personifikation stehen bleiben.

http://www.arachnia.ch/LAO – Libertäre Aktion Ostschweiz

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